The Second Sight – „In the Grey“

In den 90er Jahren galten sie als eine der wenigen Elektro-Pop Bands, die von ihren Vorbildern Depeche  Mode musikalisch akzeptiert und ernstgenommen wurden: The Second Sight. Gegründet in Esslingen erspielten sie sich mit elegant-elegischen Songs a la „Tomorrow“ und hunderten Auftritten eine durchaus ansehnliche Fanbase. „Very ambitious“, meinte auch Alan Wilder anerkennend, als ihm anlässlich eines Auftritts in Stuttgart zwei Songs vorgespielt wurden. Nach einer längeren Platten-Pause melden sich Keyboarder Dierk und Sänger Alex jetzt überraschend zurück: „A Place Called Home“, erste Single ihres kommenden Albums schleicht sich als atmosphärisch dichter Hörfilm ans Ohr. Und obschon die Band Anklänge an die große Zeit des Synthie-Pop der 80er Jahre nicht verleugnet, ist dies ein Song, der nicht zuletzt auch wegen seines textlichen Inhalts in die Zeit passt – und für Aufsehen auch in der Radiolandschaft des Jahres 2019 sorgen kann. In den Alternative Charts beim Branchenführer Amazon jedenfalls jettete er sogleich von 0 auf 1. Aus dem Synthie-Pop der 80er Jahre aber ziehen The Second Sight ihre musikalischen Wurzeln, von Bands wie Kraftwerk, Human League, A-ha, Erasure, vor allem aber Depeche Mode. Die Basis ihres Sounds bildet eine interessante Mischung aus synthetischen Klängen und Gitarrenelementen. Ihre Eigenständigkeit erzielen The Second Sight durch ihre selbstkreierten Klänge, die im eigenen Tonstudio entstehen sowie die expressiv-dunkle Stimme des Sängers Alex. In den 90’er Jahren veröffentlichte die Band mehrere Singles und Alben, und war massiv in Sachen Live-Auftritte unterwegs. Nach einer erfolgreichen Tour im Jahre 2000 mit der damals bekannten Synthie-Pop-Band And One veröffentlichte The Second Sight 2001 ihr bislang letztes Album „From the Dark into the Sun“ bei der EMI. Parallel lief die Single „Tomorrow“ auf vielen Radiostationen. So auch beim SWR, wo die Band dann auch auf dem Festival „Arena of Sound“ in Stuttgart vor über 40.000 Zuschauern auftrat.

Danach jedoch löste sich die Band auf. „Es war schwer in diesen Tagen“, erinnert sich Alex, „die Musikbranche zerbröckelte von Woche zu Woche mehr, niemand wollte mehr für Musik bezahlen und 70 Prozent der Labels verschwanden, so beschlossen wir uns, um Job und Familien zu kümmern….“. Doch 14 Jahre nach ihrem Splitt, wir schrieben Ende 2015, taten sie sich wieder zusammen und beschlossen, wieder neue Songs zu komponieren und aufzunehmen. Ihren ersten Track „A Placed Called Home“ schickten sie sogleich an Hans Derer. Der Stuttgarter Musikmanager, von 1980 bis 1990 für die PR von Depeche Mode verantwortlich, managed heute das Plattenlabel 7music. Und auf diesem veröffentlichten sie ihre erste neue Single – genau 28 Jahre nach ihrem ersten Live-Auftritt, der am 28.12.1990 stattfand. Die ersten Reaktionen darauf können sich wahrlich sehen lassen: Bei am 28.12 veranstalteten Live – Präsentation in Stuttgarts „Soundwerk“ kam es zu Standing Ovations beim Marktführer Amazon erreichten sie Platz 1 der Bestsellerliste „Alternative“, sowohl TV-Sender Regio TV als auch „bw Family“ zeichneten Interview-Specials auf, die am 9. Januar (Regio TV- Puls bzw. 22. Januar (bw family – „vollWert“) ausgestrahlt werden. Auch die eher abwartenden Öffentlich-Rechtlichen reagierten prompt: The Second Sight war im SWR zu Gast. „So kanns weiter gehen“, freut sich ein strahlender Dierk Budde. Am 25. Januar erschien dann auch das Album „Compilation“, das Neuaufnahmen ihrer Songs aus den 90ern erhält.

Jetzt, nach den sehr erfolgreichen ersten Singles „A Place called home“ und „Make it on own“ wurde die dritte Clubsingle “Born on the Wrong Side” Ende Oktober an die Clubs ausgeliefert. Die Single hält sich bereits seit vier Wochen in den Deutschen Alternative Charts (DAC). Der Vorbote zum neuen Album “In the Grey“, das am 22.11.19 in den Platten-Läden und Online veröffentlicht wurde, war also mehr als vielversprechend und es hat dieses Versprechen mehr als gehalten. Die namenhaften Szene-Magazine „Okrus“ und „Sonic Seducer“ berichteten mehrfach über das grandiose neue Album und widmeten der Band mehrere große Features 2020 wollen „The Second Sight“ ihrer immer größer werdenden Fangemeinde ihre neuen Songs auch live präsentieren.

Line up:

Alexander Vlassakakis (Vocals), Dierk Budde (Sounds)

Rezension – The Second Sight – In The Grey

Eine schwarz/weiß Makroaufnahme einer Distel mit einem völlig verschwommenen Baum im Hintergrund ziert das Cover. In Kartoffeldruckoptik sind die Buchstaben der Band und der CD aufgedruckt. Es handelt sich um das kürzlich veröffentlichte Album der Band „The Second Sight“ mit dem Namen „In the grey“. Ich grüble über den Sinn, denn der Titel bezieht sich zunächst nicht auf einen Track. Ich vermute, man möchte hier mit den Extremen spielen (Schwarz/Weiß, Nah/Fern, Scharf/Unscharf, HighRes/Kartoffeldruck) und ausdrücken, dass sich alles irgendwo dazwischen abspielt. Mal sehen, ob die Texte darauf hinweisen, und ich hoffe, dass die Musik nicht auch nur „grey“ ist. „The Second Sight“ machen seit den 90er Synthie-Pop und konnten bereits viele Erfolge verzeichnen. „The Second Sight“ sind Alex Vlassakakis und Dierk Budde aus Esslingen. 18 Jahre war kreative Funkstille – ich bin gespannt was in den Jahren gereift ist.

A place called home“ ist der Opener der CD. Die großen Influencer der Band sind mehr als eindeutig zu hören, auch textlich. „All that you wanted, All that you needed“ ist mehr als DMig, die Synthie-Flächen erinnern mich schwer an „Maid of Orleans“ von OMD und die Gesangsmelodie könnte auch von Human League sein. Das Lied ist eine schöne Homage an die Bands der 90er Synthie-Ära, schön abgemischt, obwohl ich zunächst dachte, dass der Bass etwas harsch abgemixt ist, und schön gesungen. Ich glaube, dass die Band hier ausdrücken will, dass ihnen das Musikmachen gefehlt hat und trauern der Zeit nach in der man sich in die Musik flüchten konnte, wenn es einem mal schlecht ging. Welcome back…

Der zweite Track „Born on the wrong side“ ist die zweite Videoaukopplung auf YouTube. Ein grandioser, aber klassischer Tanzflächenfüller mit Ohrwurmcharakter. Hier kann man den Sinn des Covers und die Lebenserfahrung der Künstler erkennen. Sie hinterfragen, ob ein Mensch, der in eine Situation hineingeboren wird, wirklich für seine Verbrechen angeklagt werden sollte. In der falschen Gegend geboren und jemand begeht Mord für eine Gang, in die er eintreten musste um zu überleben. Eine Mutter im zerbombten Kriegsgebiet stiehlt für Ihre Kinder. Wie denken diese Menschen? Finden sie sich nicht auf der falschen Seite des Lebens wieder und sagen einem eventuell „Try walking in my shoes“, wieder ein kleiner Verweis auf DM.

Nothing new“ ist eine langsame Uptempo-Nummer. Der Protagonist spricht einen Monolog zu einer Person (Chef, Partner) und stellt seine Position dar. Egal was er sagt oder tut, er kann dieser Person niemals das Wasser reichen oder ihm genug sein.

Delicate Balance“ ist mein Anspieltipp der CD. Er ist so herrlich Eurythmics-angehaucht, hat ordentlich Wumms zu tanzen und eine sehr schöne Gesangsmelodie. Auch hier spiegelt sich das Coverthema wieder. Es geht um die schwierige Balance einer Beziehung zwischen Liebe und Lust, Lügen und Vertauen.

Make it on your own“ ist die erste Videoauskopplung auf YouTube. Der Titel spricht für sich. Allerdings spricht mich die Musik nicht so an. Der Titel ist mir zu Radio-tauglich – Geschmacksache. Auch „Who are we“, „Apathy“ und „Moments like this“ nehmen mich nicht mit.

Ganz anders „History“. Das ist so retro-80er, dass es schon wieder cool ist. Ein echter Gothic-Einheitsschritt-Kracher. Der würde definitiv in meine DJ-Tasche wandern!

Stream your life“ beschließt die CD und ist auch mein Lieblingssong auf der CD. Hier kracht, knackt und bimmelt es herrlich im Hintergrund und man gibt nochmal richtig Gas. Die Synthies klingen nach Serienmusik der 80er. Eine erfrischende Mischung. Das Thema ist auch mehr als aktuell – SocialMedia und seine Gefahren.

Abschließend kann ich sagen, dass die CD bei mir gemischte Meinungen aufkommen hat lassen. Es sind richtig gute Songs vorhanden, aber auch genug Filler. Trotzdem ist die CD einen Kauf wert, denn sie überrascht hier und da. Die Musik und die Texte sind erwachsen.

Ich vergebe 7 von 10 Graustufen.

geschrieben von Marc Seidler

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