Steorrah – The Altsatdt Abyss – Rezension

Bei „The Altstadt Abyss“ denke ich sofort an meine Sturm- und Drangzeit, die sich ausschließlich im zwielichtigen Metal-Kneipenmilieu der Innenstadt abspielte. Der Abgrund war immer nahe, aber nach oben habe ich zu dieser Zeit nie geschaut. Dafür kannte ich jeden Kopfstein des Pflasters beim Namen. Vielleicht wäre ein Bild davon besser als Cover geeignet gewesen als Stuck-Wasserspeier nebst Bordüre. Es ist aber vielleicht auch der Eingang in eine Katakombe oder eine andere Welt. Steorrah spielen progressiven Death-Metal und „The Altstadt Abyss“ ist bereits ihr drittes Studiowerk.

Begeben wir uns auf die Reise in die Tiefe und starten mit dem ersten Titel „The silver apples of the moon“. Der Track schlägt schon mal ein. Doublebase, Growling, aber dennoch Death-Metal untypische Prog-Rhythmen dazwischen. Kurze Atempause mit Flüstergesang-Gitarrengezupf („Rhyme of the Ancient Mariner“ von Maiden lässt grüßen), gefolgt von melodischem Gesang und mit einer Mischung aus melodischen Soli und Growl wieder zurück zur „Windmühle“. Huch, die 5 Minuten sind schon vorbei? Nochmal anhören, da muss doch irgendwo ein Haken sein. Nein, es scheint ein Leichtes für die Bonner zu sein zwischen Melodie-Prog und Death-Gebange ganz nach Belieben hin und her zu wechseln.

In den folgenden Songs „Sea Foam Empyrean“ und „Saturnalia for Posteri“ werden diese Wechsel noch deutlicher. Growl meets Jazz meets Melodie meets Epic meets Piano und schon wieder sind 6-7 Minuten wie im Flug vergangen.

„Wolves & Seagulls“ ist mir persönlich zu viel Jazz, jemand anderem mag es aber sicher gefallen. Ich glaube, ich skippe zum nächsten Titel – huch, eine Pause – es ertönen Hörner und wir werden mit Zwergengesängen (vergleiche The Hobbit) in den Abgrund eingeladen. Das hatte ich jetzt nicht erwartet. Vielen Dank, diese nette Überraschung ist gelungen!

Mich kann man mit Weltmusik und sphärischen Klängen immer einfangen. Daher sind meine Ohren bei dem längsten Stück der CD „Where My Vessel Dwells“ sofort gestellt. Es beginnt mit einer düsteren Fläche, man hört Glocken, Amboss-Schläge und eine Sitar begleitet uns in eine druckvolle Death-Nummer. Das indisch-arabische Thema wird hier und da von Bass und Gitarre aufgefangen und die Drums mit Tabla (indische Handtrommel) erweitert. Es regnet und der Song endet in einer düsteren Fläche mit hallendem, teils geflüstertem Growl-Gesang. Das musikalische Arrangement des Songs ist so intelligent gemacht, dass man auf eine Reise geht. Jeder mag hier selbst interpretieren. Ich sehe ein Ritual und der Beginn einer Reise in unser Inneres mit vielen Wendungen und dem Ziel das eigene Gefäß der persönlichen Kraft zu aktivieren, was schlussendlich auch gelingt. Nach dem Ausflug in unser Inneres holt uns Steorrah mit dem wunderschönen Piano-Stück „Spheroid Nine“ wieder zurück.

Der letzte Song ist auch der Titel-Track. „The Altstadt Abyss“ reiht sich in die Riege der oberen Songs ein, bietet aber keine Überraschungen mehr und wäre am besten gar nicht da. Ich bin ehrlich. Für mich ist die CD nach dem Piano-Stück zu ende, lässt mich in einer wohligen Stimmung zurück und 5 Minuten still sitzen.

Die ganze CD ist eine Reise mit Tempo- und Stimmungswechseln. Sie ist mutig intelligent und überraschend. Sie ist technisch perfekt, bietet trotzdem den nötigen Druck für das Genre und hat ordentlich Atmosphäre. Es ist kein Album, das man im Auto oder in der Bahn hört. Man hört sie bewusst und lässt sich darauf ein. Sie ist ein Sahnestück im Einheitsbrei. Ich verteile 9 von 10 Cobblestones.

geschrieben von Marc Seidler

Facebook: https://www.facebook.com/STEORRAH/

Website: http://steorrah.com

Label: http://www.fastball-music.de/