Almøst Human – XS2XTC -Rezension

1977 – ein junger Gunther von Hagens arbeitet in Heidelberg an der Idee der Plastination und skizziert eines seiner Exponate, die er später in der weltberühmten Ausstellung „Körperwelten“ ausstellen will. Das kommt mir in den Sinn, wenn ich mir das Cover der CD „XS2XTC“ der Schweizer Band „Almøst Human“ ansehe. Die Bleistiftzeichnung zeigt einen Mensch, der sich selbst die Haut abzieht. Wenn man XS2XTC (Access to Ecstasy) hat, denke ich in Zusammenhang mit dem Bild an eine Metapher, sein äußeres/altes Ich abzustreifen und das innere Ekstatische zu entdecken. Da ich die Art Cover mag und die Thematik spannend finde, bin ich gespannt, was mich erwartet – obwohl ich eher Gothic-Rock erwartet hätte statt Metal.

Beim ersten Durch hören hat die Band schon einen Stein bei mir im Brett. Ich finde keinen Vergleich, keine Kopie, keinen Einfluss anderer Bands. Die wird es sicher geben, aber es scheint als haben sich die Musiker selbst und untereinander gefunden.

Der Opener „System Of Beliefs“ musste ich mehrmals hören. Zum einen, weil ich herausfinden wollte, ob es sich bei den hohen Tönen um einen Synthesizer oder extrem verzerrte Gitarren handelt (ein Stilelement der ganzen CD) und zum anderen, weil die Bridge und Refrain unglaublich gut ins Ohr geht und der Clean-Gesang sich gut in das Growling einfügt. Eine würdige Nr.1, die wunderbar die Facetten und die Musikalität der Bandmitglieder zeigt. Das Lied endet mit einem gehaltenen gezerrten Ton…und der nächste Song überraschend riffig mit sehr langen Pausen. „Warpigs“ ist ein härterer Titel und, ganz dem Kriegsgedanken folgend, voll mit Stakkato-Riffes. „Naked Now“ ist ähnlich treibend und damit es nicht langweilig wird, wird das Lied mit einer Fläche aufgebrochen. „What Makes You So Hard?“ ist gespickt mit Triolen, unerwarteten Pausen, Passagen und Stilwechseln. Es ist der anspruchsvollste Song der CD für den Hörer. Ich könnte mir vorstellen, dass es dem einen oder anderen nicht gefällt. Ich persönlich mag ab und an solch harten Tobak. Der Instrumentaltrack „Chemical Breakfast“ gefällt mir weniger. Es ist mir zu wenig los und mir fehlt das Verständnis, dass von drei Minuten eine Minute ausgefaded wird. „Divine Comedy“ und „Baby Glued“ sind wiederum Songs, die man sich mehrmals anhören muss. Ein musikalisches Stilelement jagt das nächste, was zunächst verwirrt, dann aber doch irgendwie gefällt. Die Band hat es mit „Clowned“ geschafft einen traurigen Clown musikalisch zu interpretieren. Man hört Tonfolgen von Zirkusmelodien heraus – sehr gut gemacht und fast mein Lieblingstrack auf der CD, wäre da nicht „Beloved Pet“. Dieser Track ist so spannend, dass er unter allen Titeln sofort auffällt. Er erinnert mich an den klassischen Dramen/Komödienaufbau der Literatur in 5 Akten. Sphärisches In- und Outro, melodischer Zwischenpart und gute Headbangparts dazwischen. „Promised Paradies“ ist ein Übergangstrack mit gesprochenen Worten und verzerrten Sounds. Es geht um die Worte Gottes, die uns das Paradies versprechen. Schöne Idee, denn „In The Name(s) Of God(s)“ wird postum damit abgerechnet. Hier merkt man, dass alle Musiker damit einverstanden sind, denn jeder legt so richtig Wut und Enttäuschung in das jeweilige Instrument. Am Ende hört man den Sänger um Luft ringen. Auch eine super Idee um dem Growling den Stempel Diesmal war es ernst aufzudrücken. Nach diesem Titel klingt „Fucktory Of Illusions“ fast schon langweilig. Dennoch ist auch er toll gemacht mit ansprechenden Tempiwechseln, Riffs und melodischen Passagen. Ich finde die Idee das eigene Gehirn als „Fuckbrik der Illusionen“ zu betiteln genial. „From Womb 2 Tomb“ ist erneut ein Übergangsstück für den letzten Track „Welcome 2 Neverland“. Er ist auch wieder ein kleines Goldstück, wenn man sich einmal rein gehört hat. Die Band bedient sich arabischer und Zigeuner-ähnlichen Tonfolgen um das Neverland zu beschreiben. Nach sechs Minuten ist der Song vorbei, der CD Player zeigt aber noch 9 Minuten an. Juhu, ein Ghost Song. Und genau das ist er. Ich verrate nicht zu viel.

Mein Fazit: Die CD ist klasse, hier und da schwierig und nichts für Mal-Eben-So-Hören. Man wird mitgenommen und die Thematiken sind stimmig, die Musik ist astrein und es gibt Überraschungen. Einen Wunsch würde ich der Band gerne nahe bringen. Die Titel und das Arrangement lädt gerade dazu ein, dass die CD in einem durch gemixt ist. Teilweise sind die Pausen zwischen den Tracks seltsam oder störend. Insgesamt vergebe ich 8 von 10 Pommes -Forgglä.

geschrieben von Marc Seidler

Label: http://www.fastball-music.de/

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